Details über Details

von Karl Baier

Thema der folgenden Überlegungen ist die Rolle von Details beim Üben und Unterrichten von Asana und Pranayama. Die Erfahrung mit Detailarbeit im Iyengar-Yoga lehrt, daß nicht nur meistens der Teufel, sondern ebenso oft auch Gott im Detail steckt. Grund genug, sich über die Details einmal im Detail Gedanken zu machen.

Das Wort Detail kommt aus dem Französischen und ist von dem Zeitwort détailler abgeleitet, das zerlegen bzw. zerschneiden bedeutet. Das Detail ist vom Wortsinn her das, was bei der Zerlegung eines Ganzen zutage tritt: seine Einzelheiten oder Einzelteile.

Allerdings reicht die ursprüngliche Wortbedeutung allein in diesem Fall noch nicht hin, um das mit dem Wort Gemeinte zureichend zu bestimmen. Wenn von den Details einer bestimmten Sache die Rede ist, dann denkt man nicht an die Ergebnisse einer willkürlichen Zerschneidung, die das Ganze, das zerteilt wird, zerstört. Was durch so eine beliebige Zerlegung zum Vorschein kommt, sind Bruchstücke oder Überreste des Zerlegten, nicht aber Details. Beim Herausarbeiten von Details wird eine Sache nicht auf eine ihr unangemessene Weise auseinander genommen, sondern so, wie es ihrer inneren Gegliedertheit und Aufgliederbarkeit entspricht. Dabei wird das Ganze nicht vernichtet, wie das die Ausdrücke "zerlegen" oder "zerschneiden" nahelegen. Das Auseinandernehmen des Ganzen, das seine Details enthüllt, ist keine Demontage, sondern ein Entfalten, das die Mannigfaltigkeit zum Vorschein bringt, die in der Einheit des betreffenden Ganzen steckt und zu ihr beiträgt. Die Vielfalt der Details steht nicht im Widerspruch zur Einheit des Ganzen, sondern bringt sie hervor. Die Einheit wächst, nimmt an Intensität zu, je größer die Fein- und Vielgliedrigkeit ist, die sich in ihr vereint.

Aus meinen in früheren Ausgaben von Abhyasa entwickelten Gedanken zu einer Philosophie des Übens geht hervor, daß das Feilen an Details wesentlich zum Üben einer Sache dazugehört. Eine grundlegende Dimension der Übung besteht ja darin, das, was in seiner Vieleinheit noch nicht bruchlos in einem Zug als Ganzes vollzogen werden kann, genau auf die Einzelheiten hin, an denen es hapert, anzusehen und sich diese im Einzelnen vorzunehmen, um sie schließlich gekonnt in das geübte Ganze einzugliedern. Das Feilen am Detail setzt gerade an den Details an, die aus dem Ganzen herausfallen und versucht den ihnen möglichen Anteil am Hervorbringen des Ganzen zu befreien. Wenn das Ganze schließlich "wie aus einem Guß" dasteht, sind die Details nicht in einen einzigen monotonen Block zusammengeschmolzen, vielmehr kommt dann in den Feinheiten und durch sie das Ganze in ihnen zum Leuchten.

In Bezug auf die Haltungs- und Atemübungen des Iyengar-Yoga sind unter Details die Feinabstimmungen zu verstehen, die im Rahmen der Grundstruktur der jeweiligen Übung zur Anwendung kommen. Sie bestimmen also nicht das, was geübt wird (etwa Trikonasana oder Viloma Pranayama etc.), sondern die Art und Weise wie eine bestimmte Übung durchgeführt wird.

Die Iyengar-Yoga-Lehrer sind nicht zu Unrecht stolz auf ihre reiche, mühsam erworbene Detailkenntnis. Sie ist ein unabdingbarer Bestandteil der Übungskultur dieser Yogarichtung. Es gehört sozusagen zum guten Ton als Lehrer immer wieder einmal mit neuen, überraschenden Details aufwarten zu können. Das belebt die Yogastunde und verhindert, daß die Ausführung der Asanas zur leeren Routine verkommt. Es gibt so etwas wie die Freude am Detail, die dazu motiviert, nicht stehen zu bleiben, sondern auf dem Weg des Lernens immer weiter zu gehen. Neues zu entdecken und sich das Geübte immer feiner und d.h. eben im Reichtum seiner Details anzueignen.

Worin besteht eigentlich diese Freude am Detail, was nährt die Liebe zu ihm? Nicht das Detail für sich genommen, das isoliert von dem Ganzen, dessen Detail es ist, nur ein sinnloses Bruchstück ist. Erfreulich ist das Detail vielmehr insofern, als darin die Subtilität und der innere Reichtum des Geübten als Ganzem aufscheint. Die Anwesenheit des Ganzen in den Einzelheiten ist das Wesentliche am Detail und beglückt, wann immer sie erfahren wird.

Was ein Detail ursprünglich und im höchsten Sinn ist, erkennen wir, wenn wir uns auf die entscheidenden Übungserfahrungen besinnen, wo sich uns ein Detail in seiner vollen Bedeutsamkeit ungemindert zeigte. Diese Erfahrungen sind selten. Meist ist die schöpferische Potenz der Detailarbeit in der durchschnittlichen Übungserfahrung verdeckt. Im Normalfall erfahren wir ein Detail entweder als nichtssagend, weil wir im Moment nichts damit anfangen können, oder als interessant, weil es zumindestens einen Teilaspekt der Übung neu zugänglich macht und verbessert.

Die wahre Macht des Details zeigt sich aber weder im nichtssagenden, noch im interessanten, sondern allein im verwandelnden Detail. Wenn der Übende ein verwandelndes Detail find et, geht von ihm aus ein Ruck durch die gesamte Übung, durch den sie im Nu verwandelt, neugeboren wird. Es ist als ob Wolken aufrissen und der Blitzstrahl des Details zeigt die Übung augenblicklich ganz so, wie sie in Wahrheit ist. Eine haarfeine und doch vollständige Differenz, "das gewisse Etwas", trennt dann das verwandelte Asana von der Weise, in der es im Übungsalltag durchschnittlich bekannt ist. Das verwandelnde Detail ist nicht ein nebensächliches Extra, eine ornamentale Verzierung, die an einem schon bestehenden Ganzen angebracht wird, auch nicht bloß ein interessanter Teilaspekt, sondern der unscheinbare springende Punkt, ein Ursprung, der belebt und erneuert. Das in dieser Weise ursprüngliche Detail zersplittert die Übung nicht, sondern verbindet sie und bringt den Geist des Ganzen neu zu Tage.

Das Phänomen das sich hier zeigt, hat H. Rombach das "Gesetz der Minimalitäten" genannt. Dieses Gesetz besagt, daß gerade ganz bestimmte, feinste Feinheiten, minimale Veränderungen ein gegebenes Ganzes von Grund auf umzuwandeln vermögen, indem sie es in eine neue Offenheit bringen; "ja wie wir wissen, kann uns überhaupt nur die Minimalität eines winzigen Details in der nötigen Schärfe das Eine ... geben, das uns gewöhnlich so entzückt, begeistert und begeistert, daß wir das Eine als den »Geist des Ganzen« nicht mehr nur verstehen, sondern ihn sehen und aus ihm leben." Aus ihm leben zu lernen - das ist die Aufgabe der alltäglichen Praxis, die den augenblicklich erleuchtenden Blitz des Details aufzubewahren und ihm Beständigkeit zu verleihen hat.

Wann sich wem welches Detail als verwandelnd offenbart, steht weder in der Macht des Schülers noch in der des Lehrers.

Es kommt hierbei auf die jeweilige Verfassung des Übenden, seine innere Bereitschaft zur Verwandlung und auf den Kairos, den rechten Augenblick, die Gunst der Stunde an. Es gehört zur Eigenart der verwandelnden Details, daß sie nicht machbar sind. Aber es ist schon viel, um ihre Möglichkeit zu wissen und sich für sie offen zu halten. Dieses Sichoffenhalten geschieht durch eine achtsame und zärtliche Haltung gegenüber den Details, die den Feinheiten den gebührenden Respekt zollt, sie nicht als Nebensache abtut, sondern von ihnen und nicht von spektakulären und schweißtreibenden Willensleistungen das wahrhaft Bedeutungsvolle in der Übung erwartet.

Um nach dem Gesetz der Minimalitäten zu handeln und dem Schüler dadurch im rechten Moment hilfreich beizustehen, braucht der Lehrer besonders die Fähigkeit den Fluß des Lebensatems und der Wachheit im Asana und Pranayama intuitiv wahrzunehmen und das Gespür dafür, wie dieser Fluß in noch unbelebten Bereichen befreit werden kann.

Ich möchte nun von den begnadeten Höhepunkten der Detailarbeit wieder zurückkehren zu den Niederungen des Übungsalltags.

Dort zeigt sich, daß die Sache mit den Details sehr wohl ihre Haken hat. Das Motto "Details über Details", kann auch zum Stoßseufzer werden, denn mitunter erwecken die tausend Einzelheiten Frustration und Unmut, weil der Übende durch sie überfordert ist und/oder den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann, also Asana und Pranayama vor lauter Details als ganzheitliche Leiberfahrung verloren gehen. Wenn aus der Liebe zum Detail die Detailfixiertheit wird, ob nun vom Lehrer verordnet, oder beim Üben ohne äußere Anleitung, dann führt das dazu, daß das innere Feuer, das die Übung beseelen und über sich hinaustreiben sollte, erlischt und die Ausführung der Haltungs- und Atemübungen zum bloßen Durchexerzieren komplizierter Gebrauchsanweisungen wird.

Um eine feine Suppe nach kompliziertem Rezept zu kochen, muß man genau darauf achten, wieviel von welchen Zutaten auf welche Weise zubereitet werden muß. Um die Suppe dann aber als Suppe wirklich zu erfahren, muß man die zum Kochen nötige Verhaltensweise des sorgfältigen Herstellens aufgeben und sich das Gericht als Ganzes einfach schmecken lassen. Wer detailfixiert übt, gleicht einem Koch, der niemals ißt und deshalb im Grunde keinen Zugang dazu hat, worum es beim Kochen eigentlich geht.

Das Ansammeln und Weitergeben von Detailwissen ohne zureichenden Erfahrungshintergrund ist eine große Versuchung. Die Feinheiten, mißverstanden als technische Vorschriften, können rein kognitiv (theoretisch) erfaßt, auswendig gelernt und ohne wirklich verstanden und in die eigene Leiberfahrung integriert zu werden, praktiziert und weitervermittelt werden. Dann behandelt man sich selbst und gegebenfalls auch die Schüler wie der Mechaniker ein kaputtes Auto. Mit anderen Worten: die Verlorenheit in den abstrakt aufgefaßten und durchgeführten Details führt zu einer überhandnehmenden Vergegenständlichung seiner selbst und der anderen. Es entsteht ein schizoider Riß zwischen der Übung und dem Übenden. Mangelnde Eigenerfahrung und mangelndes Vertrauen in das selbst Erfahrene, also mangelndes Selbstvertrauen, aber auch die Flucht vor dem, was man selber spürt, scheinen mir die wichtigsten Quellen für eine solche Detailbesessenheit zu sein.

An die Stelle des Rückgangs auf Erfahrung tritt dann bei der Begründung der Details gerne der Verweis auf den Meister, der es eben so gelehrt habe. Das Autoritätsargument ist zwar nicht ganz unsinnig, aber doch das schwächste von allen Argumenten und man sollte es tunlichst vermeiden. Denn wenn es einfach geschluckt wird, fördert es die Gedankenlosigkeit. Vor allem aber reizt es zum Widerspruch, zumal bekanntlich gerade die Meister ihre Ansichten über Details öfters ändern, da sie die Feinheiten nicht aus einem fixen Regelkanon, sondern aus der lebendigen, sich wandelnden Übung schöpfen. So kann es zu unerquicklichen, scholastischen Streitigkeiten kommen, in denen sich ein Schüler auf das Buch X des Meisters beruft und der andere auf den legendären Intensivkurs Y, wo derselbe Meister angeblich oder wirklich eine davon abweichende Anweisung gab.

Wenn man nicht weiß, warum man z.B. ein Asana im Einzelnen so und nicht anders ausführt, sollte man, um solche fruchtlosen Querelen zu vermeiden, anstatt sich auf Autoritäten zu berufen, lieber die eigene Unwissenheit eingestehen und von Neuem aufmerksam ausprobieren, was geschieht, wenn man nach Detailanweisung A übt und wie sich demgegenüber die Übungserfahrung verändert, wenn man sich an Detailanweisung B hält. Im Unterschied zu den Grundstrukturen der Asanas, die relativ festliegen und über die ein breiter Konsens besteht, bewegt der Übende sich bezüglich der Feinkorrekturen in einem offenen Spielraum von Möglichkeiten, der zwar nicht beliebig, wohl aber unausschöpfbar ist und stets neue Entdeckungen zuläßt.

Abschließend einige Hinweise, die sich aus dem Obigen für die Gestaltung des Yogaunterrichts ergeben:

1empfiehlt sich, Detailanweisungen nicht als Gebote und Verbote, sondern als Vorschläge zu präsentieren, die der . Es Schüler nicht einfach zu befolgen hat, sondern erprobt, d.h. an seiner Eigenerfahrung messen kann und darf. Die Kunst des Lehrens besteht nicht im Verlautbaren und Durchsetzen von Anweisungen, sondern im Lernen-Lassen. Die wichtigste Fähigkeit, die ein guter Lehrer aufzuweisen hat, ist es, die Schüler selber lernen zu lassen und das heißt, sie dazu zu motivieren, den Weg von der undifferenzierten Erfahrung der Übung zum Detail und von dort zurück zu einer neuen Erfahrung der Übung im Ganzen selber zu gehen. Für den Übenden ist es wichtig, sich nicht zwanghaft in die Einzelheiten zu verbeißen, sie nicht sklavisch, sondern freundschaftlich aufzunehmen.

2. Eine Yogastunde ist kein Diskussionsforum. Die Auseinandersetzung um Sinn oder Sinnlosigkeit einer bestimmten Übungsanweisung kann, besonders wenn das Problem diffizil ist und längere Erörterungen erfordert, den Übungsfluß empfindlich stören. Deshalb ist es ratsam Diskussionen während des gemeinsamen Übens auf das Notwendige zu beschränken und etwa nach der Stunde wenigstens von Zeit zu Zeit die Möglichkeit zu Rückmeldungen, Fragen und Kritik zu bieten. Der Schüler sollte seinerseits hinreichend Geduld und Unvoreingenommenheit besitzen, um die Detailkorrektur zunächst einmal zu akzeptieren, nicht sofort rechthaberisch dagegen zu reden, sondern sich die nötige Zeit zu lassen, mit der von seinem bisherigen Verständnis abweichenden Anleitung eine eigene Erfahrung zu machen.

3. Es empfiehlt sich, so gut es geht, die Detailangaben nicht zusammenhanglos aneinanderzureihen, sondern die Zusammenhänge zu vermitteln, durch die ein Detail zu anderen Details hinführt und zur Bereicherung der ganzheitlichen Erfahrung der Übung beiträgt.

4. Die besonders aus Pune bekannte Praxis den Schüler mit Details gleichsam zu überschütten, hat einen guten Sinn. Wer darauf einsteigt, der gibt das Hin- und Her-Überlegen auf und wirft sich vorbehaltlos, mit geeinter Aufmerksamkeit in den Strom der Übung. Wenn es aber darum geht, daß ein Detail wirklich sitzen und im Gedächtnis bleiben soll, ist es eher ratsam, nicht zu viele Einzelheiten auf einmal zu lehren und stattdessen z.B. lieber ein einziges Detail im Durchgang durch verschiedene Übungen, in denen es eine Rolle spielt, beharrlich zu wiederholen. Der Mut zum Nichtoriginellen ist für das Unterrichten eine wichtige Tugend. Wenn auf ein neu eingeführtes Detail gleich ein weiteres, ebenfalls interessantes und unvertrautes kommt, ist es schwer, das erste zu behalten. Ebenso wenn nach einem bestimmten Detail sofort ein ihm sehr ähnliches gelehrt wird.

Es ist deshalb ratsamer während der Unterrichtseinheit nur einige wenige, markant voneinander verschiedene Details zu lehren. Die Details der Details verteilt man besser auf mehrere Stunden.


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