De dulle von Oer

Zurück Nach oben Weiter

Nach oben
Arpingi
De dulle von Oer
Die Duanen
Ich kriege di doch
Kumm wie wilt es hin
Wo ist Erpen geblieben?
Wat jung es
Des Krieges ödendes Entsetzen
Becken- und Trommelschläger
Literaturhinweise

"De dulle von Oer"

Im sumpfigen Gebiet von Erpen, idyllisch versteckt zwischen hohen Bäumen und von einem tiefen Graben umgeben, liegt die frühere Burg Palsterkamp. Solche Befestigungen waren früher u. a. als Schutz gegen räuberische Überfälle über das ganze Flachland verstreut. Die Iburg und die Burg auf dem Ravensberg wurden beispielsweise im 11. Jahrhundert erbaut. Die Burg Palsterkamp wurde vor über 220 Jahren abgerissen, heute ist ein ansehnliches Herrenhaus zu sehen.

Bereits im 13. Jahrhundert war an der Stelle ein verfestigter Burgfriede ("Motte") vorhanden, auf ihm haben damals wahrscheinlich die Ritter von Erpingen gehaust .

Der Name Palsterkamp könnte von "palas" = Pfalz und "campus" = (befestigter) Platz abzuleiten sein und damit auf die Verwendung als Vorwerk für die Kaiserpfalz in Dissen hindeuten . Nach einem anderen Ansatz soll der Name vom Erbauer Balthasar Kamp (abgekürzt dann "Balskamp") herkommen . Letztlich kann anstatt des prächtigen "palas" auch einfach "palus" = Sumpf der Ursprung des Namens Palsterkamp sein, also ein fester Platz in einem Sumpf, oder schöner, eine Wasserburg.

Die spätere Burg wurde unter der reichen ravensbergischen Familie von Buck ohne Genehmigung der Landstände, der Ritterschaft und des Domkapitels in Osnabrück nach starken Kämpfen ab 1424 erbaut. Bei der damaligen Zerstörung während der Bauphase durch die Landstände wirkten auch die Erpener Schützen mit. Schließlich wurde die Arbeit aber doch 1445 vollendet; die Burg Palsterkamp war fertig.

Die folgenden elf Jahre waren durch die Palsterkamper Fehde gekennzeichnet, bei der es um das Recht am Palsterkamp ging. Es stritten sich der Osnabrücker Friedrich von Buck und Wilhelm von Nesselrode, Vormund der minderjährigen Helene von Buck. Dabei wurde die Burg mal von der einen und mal von der anderen Streitpartei berannt und auch eingenommen. Die Bauern in Erpen hatten viel zu leiden, denn sie wurden bei der Familienfehde auch mit Raub und Brand überzogen. Die Fehde wurde vorläufig durch die Gefangennahme des Friedrich im dumpfen Kerker der Burg beendet; einen endgültigen Schlußstrich setzte dann eine Heirat zwischen der nun volljährigen Helene von Buck mit Wilhelms Sohn, Johann von Nesselrode.

Zur damaligen Zeit war auch die Straßenräuberei durch die Ritter eine wichtige Einnahmequelle. Einer der von Buchs wurde deswegen auf kaiserlichen Befehl durch den Grafen von Ravensberg verhaftet und verurteilt.

Ende des 16. Jahrhunderts geriet die Burg an die Familie von Loe (in manchen Urkunden auch "Lohe") . Bertram von Loe und sein Schwiegersohn Willebrand Schmising von Harkotten teilten sich den Besitz. Beide waren unruhige Geister und führten ein hartes und strenges Regiment über ihre Untergebenen und Hörigen. Kleinere Kämpfe waren an der Tagesordnung, die gesamten Lasten der Streitereien trugen die einfachen Menschen, die oft unvermittelt in den Turm geworfen wurden.

1623 kam der Palsterkamp über die Familie Schmising an den dänischen Feldobristen Caspar von Oer (der Name wird in den Urkunden anfangs "Ohr" geschrieben , später dann auch "Oer" und "Oher")

Er war die markanteste Persönlichkeit des Palsterkamp. Wegen seiner jähzornigen Landsknechtnatur bekam er den Beinamen "de Dulle von Oer".

Über viele Jahrhunderte wurden wilde Geschichten über ihn erzählt; abenteuerliche, grausame und sogar Gespenstergeschichten. Es geht unter anderem die Sage um von einem geheimnisvollen unterirdischen Gang zum Ravensberg, der mit einer schweren eisenbeschlagenen Tür verschlossen sein soll, die heute kein Mensch mehr öffnen und auch finden kann.

Düster wird bezeugt, daß er auch heute noch im Abendgrauen bei herbstlichem Nebel und Dunst mit seinen Spießgesellen um die alte Burg und den Burggraben reiten soll. Sein Spuken im Gebäude selbst soll durch einen frommen Mönch ein Ende gefunden haben, der den Zauber bannte und den Geist in ein abgelegenes Gemach versperrte, das daraufhin vermauert wurde. Eine Wand im Kellergewölbe, die einen Raum von zwei mal drei Metern abtrennt, trägt zwar die schauerlich-dekorative Inschrift "Intra muros spiritus Caspari von Oer + 1652 hic clausus est", die aber erst im 20. Jahrhundert angebracht wurde.

Caspar war nicht nur Erbherr zu Palsterkamp, sondern auch der Iburger und der Reckenberger Drost. Ihn trieb ein besonderer Haß auf die Iburger Klosterleute um. Mutwillig rührte er den langjährigen Streit über die Jagdrechte im Helferschen und Aschendorfschen Forst wieder auf und erschoß 1625 in seiner Wut den Klostervogt Bevervörden. Das war sogar für die damalige Zeit zuviel, und um sich der drohenden Verhaftung entziehen, ging er als Regimentskommandant mit dem Titel eines Rittmeisters wieder ins dänische Heer. Nun warb er für den König Christian IV. eine Kompanie Kürassiere. Mit König Christian hatte er einen im Zorn ebenbürtigen Partner gefunden; der König bezeichnete sich selbst als "Gottes Freund und der Pfaffen Feind". Caspar heuerte 125 Reiter an und lagerte mit ihnen sechs Tage lang in Dissen. Dort versucht man, ihn möglichst schnell wieder loszuwerden. So wurden die Reiter für 518 Tage vergütet und zogen weiter nach Norden.

Er eroberte später das bischöfliche Wiedenbrück und hauste mit seinen Leuten wie die Teufel darin. Trotz eines übermächtigen kaiserlichen Gegenangriffs konnte er die Stadt aber halten und sogar einen ehrenhaften Rückzug erreichen. 1627 kam er, nach der Zahlung eines Strafgeldes, wieder auf den Palsterkamp zurück.

Mit auf die Burg brachte er den evangelischen Pastor Jacob Veltmann. Veltmann war gebürtiger Osnabrücker und bis 1625 evangelischer Pfarrer in Wiedenbrück. Im Zuge der Gegenreformation wurde er vom katholischen Generalvikar Albert Lucenius nach einer Visitation als lutherischer Ketzer vertrieben und kam als Feldprediger zum dänischen Regiment des von Oer. Nach dem Fall Wiedenbrücks und dem vernichtenden Ende der dänischen Truppen wurde er zunächst Hausgeistlicher der neuen Kirche auf dem Palsterkamp. Bald mußte er auf Drängen von katholischer Seite auch hier weichen und wirkte ab 1634 als segensreicher Dissener Pastor auf St. Mauritius für 45 Jahre. Veltmann war ein sehr rühriger Pfarrer, von dem noch lange in Dissen erzählt wurde. Als der Krieg mit seinen Grausamkeiten Dissen heimsuchte und viele Truppendurchzüge die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte, trat er für seine Gemeinde ein und hat mehr als einmal das Schlimmste abzuwenden verstanden. Als 1648 bei der Prüfung der Konfession fast alle Gemeinden des Amts Iburg katholisch wurden, hat er den Nachweis erbracht, daß das Kirchspiel Dissen zum maßgeblichen Datum 1.1.1624 evangelisch war. Er setzte sich auch für das Feuerlöschwesen ein und sorgte für den Kauf lederner Löscheimer.

Wahrscheinlich ist eine Erinnerung an ihn in Form einer Steinfigur hoch oben an der Chorwand nahe beim südlichen Seiteneingang der Dissener St.-Mauritius-Kirche zu finden. Sie zeigt einen knienden, bärtigen und wohlbeleibten, recht kahlköpfigen Mann in schwarzem Talar und mit weißer Halskrause, die Hände zum Gebet zusammengelegt und mit Blick nach oben in den Himmel.

Mit der Eroberung des Hochstifts durch die Schweden 1634 bekam de Dulle von Oer wieder Oberwasser, wurde 1647 auch wieder Drost in Iburg und 1650 Drost in Ravensberg und lebte seine Streitlust weiter mit voller Freude aus. Beispielsweise ließ er in seiner Raserei die besten Bäume des Klosters Helfern fällen, zerstörte das Mühlenstauwerk Niebrügge und unterließ auch sonst nichts, was das Kloster schädigen oder kränken konnte. Allerdings hatte auch er nicht die Macht, sich gegen die ständigen enorm hohen Zahlungsforderungen der Mächtigen zu wehren. Selbst mit seinen Freunden, den Schweden, kam er zu keinem finanziell günstigeren Verhandlungserfolg. Dabei gehörte er zu den hiesigen führenden Lutheranern und war an den Verhandlungen über die Zuordnungen der Pfarreien zur evangelischen oder katholischen Konfession erheblich beteiligt. Trotzdem mußten alle Kontributionsforderungen auf den Heller gezahlt werden; das Schicksal der einfachen Bevölkerung hat Caspar nicht erleichtert.

1652 soll er nach einem Zechgelage in seinem Burggraben sein Ende gefunden haben (eine andere Quelle berichtet, er sei "nach einer langweiligen Krankheit entschlafen"). Sein Wappen von 1643 ist heute noch über dem Tor der Springmühle erhalten.

Er hatte keine Nachkommen, daher kam die Burg durch Vermächtnis an die Grafen von Bylandt (Byland). Allerdings lebten die von Bylandt nicht auf dem Palsterkamp, sondern ließen den Besitz durch Rentmeister verwalten. Aus deren Zeit gibt es noch eine Vielzahl an Urkunden, die das rege Leben und Treiben bezeugen.

Dann wurde die Burg Palsterkamp 1779 aus Geldnot verkauft, und zwar an den Osnabrücker Bischof Friedrich Herzog von York bzw. an seinen Vater, den König Georg III. von England, der gleichzeitig Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg (Hannover) war. Mit diesem Verkauf endete die Glanzzeit der Burg.

Die Mauern und Türme wurden geschliffen, und an der Stelle der Burg entstand das heutige klassizistische Wohnhaus direkt auf dem uralten Kellergewölbe. Seit langer Zeit dient das schmucke Gebäude nun schon als Forstamt.

1977 wurde es bei einer Außenrenovierung im königlich-hannoverschen Rot des 18. Jahrhunderts bemalt. Später fand man Reste des alten Verputzes von 1789; der Neuanstrich 200/2001 wurde deshalb im barocken Originalfarbton vorgenommen, und zwar mit einer hellen Kalkfarbe mit leichtem rosa Stich.

Das umliegende Sumpf- und Bruchland ist heute ein einzigartiges Paradies für über vierzig einheimische Vogelarten.

Ursprünglich war der Palsterkamp eine rechteckige von zwei bzw. vier Türmen bewehrte Wasserburg, unmittelbar von breiten Graften umgeben und inmitten eines unzugänglichen Sumpfgebiets. Das zweistöckige Herrenhaus und die Türme bestanden aus massivem zwei Meter dickem Mauerwerk. Ein Turm wurde als Rüstkammer genutzt, der andere nahm die Kapelle auf. Der Burg war im Südwesten eine schmale im Bogen geführte Halbinsel vorgelagert. Hier befanden sich vier langgestreckte miteinander verbundene Bauten, die von kleinen Türmen gesichert wurden. Noch 1780 war die Burg nur über eine Zugbrücke zu erreichen.

Unter den weltlichen Herren haben die jeweiligen Eigentümer der Burg Palsterkamp großen Grundbesitz und Einfluß im Kirchspiel Dissen gehabt. Der Palsterkamper hatte Jagdrechte in sieben Kirchspielen, saß in zwei Kirchenstühlen, unter anderem in Dissen, ihm gehörte Land in sieben Marken und 170 eigenhörige Höfe, davon 75 im Brandenburgischen (Stand: 1764). Außerdem besaß er in der Grafschaft Ravensberg die Landstandschaft, so daß er als Adliger zum dortigen Landtag gehen durfte , der ständische Vertretung des Landes, in dem der Adel, die Prälaten und die Städte vertreten waren.

Diese entscheidende Position des auf dem Palsterkamp sitzenden Leibherrn zeigt sich heute noch daran, daß Urkunden und andere Informationen über Erpen meist unter dem Stichwort "Palsterkamp" im Staatsarchiv in Osnabrück zu finden sind, nicht etwa beim Begriff der "(Bauernschaft) Erpen".

Heute führt die Bahnhofstraße ganz dicht am Palsterkamp vorbei. Diese Straßenführung wurde aber erst um 1935/36 erbaut, vorher war die alte Bahnhofstraße die heutige Lindenallee um den Mühlenteich herum.

Auf der jetzigen Lindenallee vor dem Gasthof Spiering befand sich bis zum Ende der Monarchie 1918 eine der drei Wegegeldabgabestellen an der alten Poststraße von Glandorf über Dissen nach Hilter, an der das Chausseegeld gezahlt werden mußte. Die Betreiber, meist Gastwirte, mußten für die Lizenz 125 Taler im Jahr zahlen, die darüber hinaus eingenommenen Gebühren verblieben beim Wirt als zusätzliches Einkommen. Der "Wegegeldtarif des Königreichs Preußen für Chausseen und Landstraßen" betrug zwei bis zwanzig Pfennig, je nach Radfuhrwerk, Kraftwagen oder Tier.

Neben dem Palsterkamp wurde in den letzten vier Jahren die Autobahn A 33 gebaut. Von den Dissenern zur Entlastung der Großen Straße sehnlich herbeigewünscht, ist sie für viele Erpener ein zu großer Einschnitt in ihre Heimat. Deshalb gingen dem Bau jahrelange Rechtsstreits, Protest- und Blockadeaktionen voraus.